Geschichte des NBH

Geschichte des Nell-Breuning-Hauses

von Leo Jansen
(Auszüge aus einem Artikel aus dem Jahrbuch 2004, Arbeit und Menschenwürde, Band 5)

Im Jahr 1979 ist das Oswald-von-Nell-Breuning-Haus als Bildungs- und Begegnungsstätte der KAB (Katholischen Arbeitnehmerbewegung) und CAJ (Christliche Arbeiterjugend) im Bistum Aachen in der Region des Dreiländerecks Aachen gegründet worden. Es war eine Gründung, die noch im schon damals nachlassenden Fahrtwind des gesellschaftlichen Aufbruchs der sechziger und siebziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland stand. Die bildungspolitischen Neuerungen und insbesondere die weiterbildungspolitischen Initiativen der zurückliegenden Dekade wirkten Ende der siebziger Jahre nach.

Die sozialpolitischen Hoffnungen und Innovationen, die im Zuge der kulturellen und demokratischen Öffnungsbewegungen in diesen Jahren sich entfalteten, waren noch in allen Köpfen, obwohl neokonservative Politikentwürfe und neue soziale Verwerfungen sich bereits zeigten. Die katholische Kirche hatte in den frühen siebziger Jahren mit einer großen bundesweiten mehrjährigen Synode der deutschen Bistümer ihre eigene Öffnung im sich wandelnden Nachkriegsdeutschland West kreativ dokumentiert und programmatisch präzisiert. Nicht zuletzt der Synodenbeschluss “Kirche und Arbeiterschaft”, der 1975 in Würzburg die historische Schuld der Kirche gegenüber der Arbeiterfrage in der modernen Industriegesellschaft aufarbeitete und damit den Weg öffnete für eine neue kirchliche Zuwendung zu den Menschen in ihren Arbeits- und Lebenszusammenhängen, motivierten im Bistum Aachen kreative und engagierte Frauen und Männer ein Bildungszentrum im christlichen emanzipatorischen Geist für die Fragen in der Arbeitswelt aufzubauen.

Anhaltende “Ruhestörung” im Interesse der arbeitenden Menschen

Die Gründung der erst 1992 nach Pater Oswald von Nell-Breuning SJ benannten “Arbeiterbildungsstätte” führte schnell zu einer ungewöhnlichen “Ruhestörung” – so einmal der Titel einer WDR-Sendung über unser Haus – in einer Zeit des politischen und sozialen Umbruchs. Das Gründungsjahr 1979 markiert eine zeitgeschichtliche Nahtstelle zwischen verunsicherten sozialen demokratischen Aufbrüchen und neoliberalen Zukunftsentwürfen, zwischen den Debatten um das ‘Ende der Arbeiterbewegung’ und den Anfängen der später sogenannten ‘Neuen Sozialen Bewegungen, die in den achtziger Jahren neue Dynamiken in die Gesellschaft bringen.

In dieser von gegenläufigen Tendenzen und Strömungen gekennzeichneten Zeit der achtziger Jahre konnten wir das Projekt einer “christlichen Arbeiterbildung als politische Praxis” nah am Puls der Zeit entfalten. Zuhause im katholischen wie im Arbeitermilieu folgten wir neugierig dem sich nun vollends durchsetzenden Wandel der sozialen Milieus und den sich verändernden Lebensstilen und Orientierungen der Menschen. Mühsame wie menschlich intensive kreative Dialogprozesse zwischen sozialdemokratischen Betriebsräten und Gewerkschaftern, christlich-demokratisch geprägten Engagierten, suchenden jungen katholischen Christen in der Kirche, grünen Friedens- und Umweltbewegten und alternativen Lebens- und Arbeitsprojekten, sozial an den Rand gedrängten Menschen aus Arbeitervierteln und in den vielen neu entstehenden Arbeitslosenprojekten ließen das Nell-Breuning-Haus zu einem Knotenpunkt der unterschiedlichen und widerstreitenden gesellschaftlichen Prozesse werden.

Mit dem weltoffenen Aachener Bischof Klaus Hemmerle als regelmäßigem Gesprächspartner an der Seite und der großen vorantreibenden Kraft von Maria Grönefeld, der ersten Leiterin des Hauses, zogen die Veranstaltungen, Diskussionen, Bildungsprojekte und Begegnungen nicht nur im Raum des Bistums Aachen immer weitere Kreise.

Unsere Weiterbildungspraxis in der Jugend- und Erwachsenenbildung hatte die Arbeitsweltorientierung und den Betriebskontakt von Anfang an zur Grundlage. Sie führte uns auf die Spuren bildungstheoretischer Entwürfe, einer an der konkreten Lebenserfahrung ausgerichteten und am “ganzen Menschen” ausgerichteten Bildungspraxis. Hier sehen wir gerade in der Gegenwart eine große Herausforderung aus christlicher Überzeugung gegen die maßlose Ökonomisierung und Durchkapitalisierung des Lebens gesellschaftliche Lernprozesse in Gang zu setzen, damit die Menschen in selbst gestalteten Organisationen und Gemeinschaften den zerbrochenen Zusammenhang von Arbeit und Menschenwürde wieder herstellen. Den Kirchen kommt hier eine besondere Verantwortung mit ihrem sozialethischen Wertekanon zu.

Was ist gerecht? Was führt in eine soziale Zukunft?

Das Jubiläumsjahr des Oswald-von-Nell-Breuning-Hauses ist zum schwierigsten Jahr der fünfundzwanzigjährigen Geschichte geworden. Wir mussten und konnten dieses Jahr außergewöhnlich solidarisch und kreativ unter dem Zwang kirchlicher und öffentlicher Kürzungspolitik starten. Ob unsere Vereinbarungen und Schritte gerecht sind, taucht immer wieder neu als Frage auf, wenn es um die Neuverteilung von Arbeitszeiten und Aufgaben geht, wenn die Folgen des Gehaltsverzichts einzelne Mitarbeiter/innen in ihren persönlichen Lebensverhältnissen sehr unterschiedlich und bei vielen sehr gravierend treffen, wenn wir neue Mitarbeiter/innen unter den veränderten Vertragsbedingungen einstellen müssen.

Nach 25 Jahren Oswald-von-Nell-Breuning-Haus muss sich in unserer Arbeitsorganisation und in der Gestaltung der Aufgaben viel ändern, wenn wir eine Zukunft haben wollen. Was diese Zukunft bringen wird, ist in den gegenwärtig politisch sehr unsicher gewordenen Verhältnissen schwer zu prognostizieren. Die Zeichen stehen eher weiter auf Sturm. Das Engagement für Gerechtigkeit und mehr sozialen Ausgleich zwischen Starken und Schwachen, zwischen reich und arm ist notwendiger denn je.

Wir sind uns sicher: Gerade heute, in einer Zeit dramatisch hoher Arbeitslosigkeit und wachsender Armut hier in der Region Aachen und bundesweit, werden Bildungseinrichtungen, Begegnungszentren und eigenständige Diskussionsbeiträge gebraucht, die das Soziale in der Gesellschaft mit Herz und Verstand im Blick behalten.

Wir haben gelernt, uns beweglich auf die Bewegungen in der Gesellschaft einzulassen und dies mit unseren festen christlichen Grundauffassungen.

Die aktuelle und noch nicht durchstandene Krisensituation unseres Hauses ist Beispiel unter vielen. Leider sind solche Betriebskrisen schon typisch geworden für unsere Zeit.

Sie fordern uns heraus, neu zu buchstabieren, wie sie möglichst menschen-gerecht gestaltet werden können. In diesem Sinne stehen wir nach 25 Jahren Nell-Breuning-Haus erst am Anfang. Gerechtigkeit für Anfänger – so erfahren wir uns. Darin gibt es viel zu entdecken, politisch, ökonomisch – aber vor allem menschlich. Die Anfänger des Gerechtigkeitslernens sollten sich zusammenschließen. Jetzt erst recht – damit die Frage nicht stirbt, was gerecht ist.

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