Oswald von Nell-Breuning SJ

Gerechtigkeit als Pflicht:
Erinnerung an Oswald von Nell-Breuning

von Norbert Blüm
(Aachener Zeitung v. 13.12.2005)

Oswald von Nell-Breuning SJ war der große Lehrer der Christlichen Soziallehre und ihr Meister in vielen Jahren der Nachkriegszeit. Kämpferisch und unerschrocken focht er für Mitbestimmung und Miteigentum der Arbeitnehmer.

Es war nur wenige Tage vor seinem Tod. Er stand an der Pforte und wartete auf mich. Es regnete in Strömen. Der Anzug hing an ihm wie an einem Kleiderhaken. Zum Schutz hatte er einen Regenschirm mitgebracht. Ich kam, er schlurfte durch Gänge und über Treppen vor mir her, ich zwei Schritte hinter ihm. In seinem Zimmer angekommen, setzte er sich auf seinen Stuhl, ich auf den, auf dem ich immer saß, wenn ich bei ihm war.

«So, jetzt können Sie sehen, wie ein Geist verfallen ist», knurrte Pater Nell. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. «Aber, Herr Pater, wir kennen uns doch seit 36 Jahren», stammelte ich völlig unangemessen und verlegen. «37», war seine kurze, kräftige Korrektur. Womit das Thema «verfallener Geist» richtig gestellt war.

Das Gespräch ging weiter, und plötzlich überfiel mich die Ahnung, es könnte das letzte unserer vielen Gespräche sein, die wir in diesem kleinen Zimmer, das immer so ordentlich aufgeräumt war, an seinem kargen Schreibtisch geführt hatten. Also nutzte ich die Stunde und wollte letzte Weisheiten aus ihm herausholen.

«Was war die bedeutendste Sozialenzyklika?», war mein erste Schulmeisterfrage. Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort: «Quadragesimo anno.» Klar, dachte ich, die hat er schließlich selbst entworfen. Selbstbewusst war der bescheidene Nell immer. Es kribbelte mich die Streitlust, und so versuchte ich, ihn in Verlegenheit zu bringen. «Was aber sagen Sie dazu, dass der Vatikan so schnell zurückgerudert ist, als die italienischen Faschisten Anstoß an dem Lehrschreiben nahmen?» – «Das ist die seit Jahrhunderten geübte Überlebensdiplomatie des Vatikan.» Von wegen Verlegenheit. Nell ließ sich durch nichts von seiner unbestechlichen Gradlinigkeit abbringen.

Ich setzte mein unbedarftes Examen fort: «Und was war die schlechteste Enzyklika?» Wieder kam die prompte Antwort: «Mater et magistra.» Jetzt verschlug es mir die Sprache. Er weidete sich ein bisschen an meiner Überraschung, und mit einem Lächeln auf den schmalen Lippen fügte er hinzu: «Aber sie hat unendlich viel Gutes bewirkt». Wie passt das zusammen: Schlechte Enzyklika, die Gutes bewirkt?

Mit prophetischer Kraft

Eine kleine Zeitspanne ließ mir Nell für meine Ratlosigkeit und erklärte dann: «Intellektuell ist sie unsauber. Sie vermischt zeitlose Wahrheiten mit tagesaktuellen Empfehlungen, und beides kann der Papst nicht mit gleicher Autorität verkünden. Deshalb muss diese Differenz klarer markiert sein, als dies in ,mater et magistra’ geschehen ist.»

Ja, so war er, der Nell. Er erwischt dich immer auf dem falschen Fuß und exerziert mit dir die Disziplin der redlichen Unterscheidung.

Unser Gespräch zog weite Kreise. Ich hatte den Versuch aufgegeben, weiteres «Material für die Nachwelt» aufzusammeln. Da plötzlich blitzte noch einmal seine geradezu prophetische Kraft auf. «Ich bin zu nichts mehr nutze, außer täglich die Messe. Und wenn ich das nicht mehr kann, dann bitte ich den Herrgott um âab’», und er machte dazu eine Handbewegung, als wolle er eine Brotkrume vom Tisch wischen.

Wenige Tage später fiel er nachts aus dem Bett und wurde morgens unterkühlt vor diesem gefunden. Er wollte zur Messe. Er konnte nicht mehr. Pater Oswald von Nell-Breuning SJ starb an diesem Tag.

Bei Nell standen Theorie und Praxis und Leben und Werk in glücklicher Kongruenz. Er lehrte, was er lebte und lebte, was er lehrte. Das Armutsgelübde war ihm keine schöne Verzierung, sondern Lebenspraxis. So wird aus St. Georgen in Frankfurt, seinem Heimathafen, berichtet:

Es wird Ende der Siebziger Jahre gewesen sein. Bei einem Provinzsymposium in St. Georgen waren viele Jesuiten zusammengekommen, um über «konkrete Armut» zu sprechen: «Wie verstehen und leben wir im Orden den evangelischen Rat der Armut?» Am Vormittag wurde ein Referat gehalten und anschließend darüber diskutiert.

Gegen Ende meldete sich Pater von Nell-Breuning und bemerkte zunächst: «Ich hätte erwartet, Pater Minister wäre im Laufe des Vormittags aufgestanden und hätte das Licht hier in der Aula ausgemacht. Das wäre ein nützlicherer Beitrag zur Armut gewesen als manches, was heute morgen hier gesagt wurde.» Dann machte er einen konkreten Vorschlag für eine bessere Verwirklichung der Armut: Man solle in den Jahresberichten nachschauen, welchen Lebens- standard wir etwa im Jahr 1955 hatten.

Damals sei im Unterschied zu den unmittelbaren Nachkriegsjahren alles Lebens- notwenige vorhanden gewesen: Auf das, was in der späteren Zeit hinzugekommen sei, könne um der Armut willen also verzichtet werden. Da ein sofortiger Verzicht auf alle späteren «Zutaten» wohl zu hart sei, könnte man schrittweise vorgehen: im ersten Monat die Frühstücksbrötchen am Dienstag und Donnerstag streichen, im zweiten Monat das Bier beim Abendessen am Sonntag usw. Der Vorschlag wurde mit Betroffenheit angehört; es war den meisten Mitbrüdern aber doch wohl zu konkret.

Gerechtigkeit war für Nell keine akademische Theorie, sondern Tugend als Lebenspflicht. Wenn er mit der Straßenbahn fuhr und der Schaffner nicht bis zu ihm durchkam, brachte er ihm das Geld. «Das verlangt die Gerechtigkeit.»

Gerechtigkeit, dafür stritt er ein Leben lang. «Ich versuchte, das Unrecht wettzumachen, das meine Kirche der Arbeiterschaft im 19. Jahrhundert angetan hatte», sagte er als Resümee seines langen Lebens der festlichen Versammlung, die zu seinem 100. Geburtstag in Frankfurt zusammengekommen war, und leise fügte er hinzu: «Und wenn die Katholische Arbeiterschaft mir das vergelten will, so bitte ich um ein Gebet für eine gnädige Sterbestunde.» Pause. «Der ich mit großer Neugierde entgegensehe.»

Ja, so war er: ehrlich. Er wusste es auch nicht, was ihn erwartete. Er glaubte an den lieben Gott fester, als er wissen konnte. Deshalb bewahrte er sich für seinen Tod eine kindliche Neugierde auf das auf, was der Wissenschaftler Oswald von Nell-Breuning SJ nicht erklären konnte.

Die hohe Kunst, Glauben und Wissen zwar nicht zu trennen, aber zu unterscheiden, war die Tapferkeit, die ihn auszeichnete. Gerechtigkeit, Klugheit, Mäßigung und Tapferkeit: der uralte Tugendkatalog – er hat in Nell-Breuning eine glückliche Symbiose gefunden.

Wider den Zeitgeist

Ich habe Nell-Breuning längst «heilig» gesprochen. Er fehlt uns in der christlichen Sozialbewegung. Es gehört wenig Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie er mit klarer Stimme Einspruch gegen den neoliberalen Zeitgeist erheben würde, der auch «meine» CDU infiziert hat. Nell hat manche Zeitströmung mit der ungebrochenen Zuversicht überlebt, dass die menschliche Natur sich jedenfalls auf Dauer nicht verbiegen lässt. Der Mensch ist eben nicht ein homo oeconomicus. Ständig seine Vor- und Nachteile zu kalkulieren ist ein mühsames Geschäft, das die Menschen von ihren schönsten Begabungen ablenkt, nämlich der Fähigkeit zur Liebe und Gerechtigkeit.

Norbert Blüm, Bundesarbeitsminister a. D., ist regelmäßiger Kolumnist der Aachener Zeitung.

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